Gedanken zum Notenlesen

Notenlesen lernen oder einfach nach Gehör spielen?

Warum können manche Pianisten fast alles, was ihnen vorgesetzt wird, einfach sofort vom Blatt spielen während andere sich mühsam stundenlang durch den Notentext kämpfen müssen, bis sie ein Stück halbwegs zum Klingen bringen? Und warum können manche wiederum etwas soeben Gehörtes einfach aus dem Gedächtnis nachspielen ohne eine einzige Note gesehen zu haben?

Durch diese Fragen wird bereits der Eindruck vermittelt, dass ein Musikstück entweder visuell oder auditiv erlernt wird. Viel einleuchtender ist aber, dass unser Gehör immer am Musikgeschehen beteiligt ist, egal ob nach Noten oder nach Gehör gespielt wird.

Somit haben “Notenleser” einen Vorteil gegenüber “Hörenden”, sie benutzen nämlich alle drei musikalischen Sinne, das Hören, Fühlen und Sehen, während Musiker, die ausschließlich nach Gehör spielen eher nur auf zwei von drei Sinnen zurückgreifen.


Ganzheitlicher Zugang

Und doch gibt es wunderbare Musiker/innen, die das Notenlesen gar nicht beherrschen und uns wieder zeigen, dass es eigentlich gar nicht notwendig wäre. Notenlesen ist im Grunde eine von vielen verschiedenen Fähigkeiten, die einen ganzheitlichen Zugang zur Musik ermöglichen, Die Musik mit allen musikalischen Sinnen zu erfahren verstärkt das Erlernte und Erlebte ungemein.

Nebenbei ist die Verständigung im und außerhalb des Instrumentalunterrichts über die (Noten)schrift zweckmäßig und zeitsparend. Dies gilt übrigens nicht nur für die klassische Musik, die in der Regel von Noten erlernt wird. Selbst bei Improvisation, im Jazz, Pop und verwandten Stilen vereinfacht es den Lernprozess ungemein, wenn Konzepte und Ideen zusätzlich zum Hören über die Notenschrift kommuniziert werden können. Auf diese Weise wird das auditive und haptische Erlernen durch visuelles Verarbeiten der Klänge verstärkt.

Notenlesen diatonischer Septakkorde
Septakkorde in Akkordsymbolschreibweise und Notenschrift

Auswendig spielen?

Im Zusammenhang mit dem Notenlesen habe ich in meiner Unterrichtslaufbahn folgende Beobachtung gemacht: Klavierschüler mit (starken) Defiziten im Notenlesen verlieren schneller die Motivation, da es viel zeitaufwändiger ist, ein neues Stück einzulernen.

Man ist auf Nachspielen, Hören von Aufnahmen und Nachahmen von Videos beschränkt und es erfordert meist viel mehr Biss und Durchhaltevermögen. Dadurch verlangsamt sich der Fortschritt spürbar, auch wenn diese Schüler im Allgemeinen die besseren “Auswendigspieler” sind.

Meistens sind davon Schüler betroffen, die gut nach dem Gehör und aus dem Gedächtnis spielen können, und im Anfangsstadium wenig Bedürfnis haben, das Notensystem von Grund auf zu erlernen.

Durch ein gutes Gehör, einfaches Nachahmen, visuelle Hilfen und gute Merkfähigkeit wird ein Defizit im Notenlesen von diesen Schüler/innen oft kompensiert und von vielen Lehrern erst sehr spät bemerkt. Dieses Kompensieren wird mit zunehmenden Level immer schwieriger bis es nicht mehr funktioniert.

Es ist übrigens auf keinen Fall ein K.O.-Grund, wenn ein Schüler sich schwer tut oder nicht motiviert genug ist, um Notenlesen zu erlernen, es gibt genug andere Werkzeuge, um die Freude an der Musik zu entfachen und zu erhalten. Mehr dazu werde ich in zukünftigen Blogposts ausführen.


Notenlesen – ein logisches System?

Westliche Musik hat, wie unsere Sprache eine hochentwickelte “Geheimschrift”. Somit kann Musik aufgeschrieben und weitergereicht werden. Anders als die Sprache bedient sich die Musik einer räumlichen Anordnung der Symbole, die unterschiedliche Tonhöhen und Tonlängen darstellen.

Alles folgt einem logischen Muster: Auf einem Notenblatt finden wir sogenannte Notensysteme zu je 5 Linien. Pianisten verwenden zwei durch eine geschweifte Klammer verbundene Notensysteme, so wird die Notation dem großen Umfang des Klaviers sowie dem beidhändigen Spiel gerecht. Je höher ein Symbol im Notensystem platziert ist, desto höher ist der Ton. Weiters setzt ein Notenschlüssel einen absoluten Referenzton (=Schlüsselton) fest, von welchem alle anderen Töne abgezählt werden.

Notenlesen Schlüsseltöne
Die Schlüsseltöne g1 und kleines f im Violin- und Bassschlüssel

Dies geschieht über die Tonnamen a, h, c, d, e, f, g  und diese wiederholen sich immer wieder. Am Instrument muss der Ton nun noch gefunden, der Griff gelernt werden und mit der dazu passenden Klangvorstellung in Verbindung gebracht werden.

Am Klavier ist dies besonders anschaulich, denn die Tasten sind wie die Noten stufenweise nebeneinander angeordnet, das heißt ein Schritt höher am Papier bedeutet einfach eine Taste weiter rechts am Klavier und umgekehrt.

In unserer Vorstellung wie sich nun eine aufgeschriebene Notenfolge auf dem Klavier als Klang manifestiert ist die Übersetzung von der Vertikalen (Noten auf und ab) in die Horizontale (Tasten rechts und links) notwendig. Alles schön logisch und linear angeordnet, was bei vielen anderen Instrumenten nicht immer der Fall ist.

Klavier-Notensystem

Noten, Buchstaben, Sprache…

Notenlesen zu erlernen ist sogar viel einfacher als Lesen zu lernen. Beim Lesen werden zuerst einige wenige Buchstaben gelernt, welche bald einfache Wörter bilden wie Mimi, im, am, Mama etc… Es kommen mehr und mehr Buchstaben hinzu und somit lassen sich weitere Wörter, Wortgruppen und Sätze bilden bis hin zu einer ganzen Geschichte.

Noten und Buchstaben sind sich also sehr ähnlich: Genauso wie man nach und nach das Alphabet lernt so lernt man zunächst die Positionen und Griffe einiger Noten, mit denen man bereits einige kurze Melodien bilden kann. Dem folgen weitere Noten aus denen längere Melodien, Phrasen und schließlich ganze Musikstücke entstehen.

Das Notenlesen lernen erfordert viel Praxis (Vertiefung des Gelernten) um flüssiger zu werden, um Abläufe zu automatisieren und zu beschleunigen.

Lesen lernt man durch Lesen, Notenlesen durchs Notenlesen. Wenn man das Notenlesen meidet bleibt es bruchstückhaft, ähnlich einer Fremdsprache, die immer nur auf Basisniveau verbleibt, wenn bloß einmal im Jahr die grundlegendsten Phrasen für den Urlaub wiederholt werden.

Unsere Sprache hat allerdings den großen Vorteil, dass bevor überhaupt gelesen und geschrieben wird das Sprechen selbst schon weit entwickelt ist. Auch in der Musik ist dieser Weg vorzuziehen, denn vor allem bei kleinen Kindern ist die Notenschrift noch viel zu abstrakt.

Hier ist es wichtig den Puls der Musik, Rhythmen und Klänge zunächst ohne Notation erfahren zu lassen und langsam das dazugehörige Schriftbild zu jedem Klang in sehr vereinfachter Notation einzuführen.

Somit können wir für jeden (im gleichmäßigen Puls) wiederholten Ton gleicher Länge einen schwarzen Punkt (=Notenkopf) setzen. Im folgenden Beispiel hören wir vier Töne/Klänge/Schläge, die wir klopfen, sprechen und auf einer Taste spielen können.

vier Noten gleichmäßiger Länge

In weiterer Folge können Töne auch ihre Höhe schrittweise ändern, wie im nächsten Beispiel ersichtlich ist. Dabei steht die ganzheitliche Erfassung – also mit allen musikalischen Sinnen – im Vordergrund: Wir sehen einen Schritt nach oben, stellen ihn uns vor, indem wir ihn innerlich voraushören und spüren, wie der nächste Finger die nächste Tasten spielt.

Hier treten Tonwiederholungen und einfache Tonschritte auf (allerdings müsste ein Tonschritt ohne Notenlinien wohl einen etwas größeren Abstand aufweisen als hier, um ihn sicher auf den ersten Blick zu erfassen)

Vereinfachte Notation mit gleichmäßigen Puls.

Sollst du dir die Notennamen dazuschreiben?

Folgendes Szenario erleben Klavierpädagogen sehr häufig: Die Notennamen werden von Schülern über jede Note geschrieben, um sicherzustellen, dass man sie richtig bestimmt hat. Dies gewährleistet allerdings nur, dass der richtige Name zugeordnet wurde, die Klangvorstellung und der genaue Ort am Instrument muss im nächsten Schritt noch zusätzlich vollzogen werden.

In der Theorie im Grunde keine schlechte Übung, jedoch bilden sich in der Praxis keine Zusammenhänge und Beziehungen der Noten zueinander. Das Notenlesen ist und bleibt so sehr langsam, da immer nur eine einzelne Note gedanklich verarbeitet wird.

Vergleichen wir das zunächst mit dem Erlernen einer Fremdsprache: Wenn wir uns zu jedem Buchstaben eine Notiz über die genaue Aussprache oder den Klang machen, ist das am Anfang sehr hilfreich. Um mit der Zeit aber flüssiger sprechen zu können, müssen wir anfangen größer zu denken, und die Aussprache einzelner Laute sollte mit der Zeit direkt, automatisch und in die Sprachmelodie voll integriert funktionieren.

Wer im späteren Stadium die Aussprache einzelner Buchstaben der Fremdsprache noch nicht verinnerlicht hat, tut sich schwer flüssig zu sprechen, lesen oder zu schreiben.


Notenlesen auf das Instrument bezogen

Wir sollten uns immer in Erinnerung rufen, dass wir mit Notenlesen die direkte Übersetzung zu Griff und Klang auf unserem Instrument meinen und nicht das schnelle Benennen von absoluten Tonhöhen.

Ein Versuch, ein zweites Instrument zu erlernen, verdeutlicht diesen Umstand: Selbst wenn viele musikalische Elemente vom Erstinstrument schon vorhanden sind, die Griffe für jede Note müssen doch wieder neu eingelernt werden, auch wenn man jeden Ton im Notensystem ohne Probleme bestimmen könnte.


Welche Wichtigkeit hat das Notenlesen bei dir im Unterricht? Welchen Zugang bevorzugst du? Geht es auch ohne, ist es unabdingbar oder ist als Pianist vielleicht das Lesen von Akkordsymbolen heutzutage von größerer Bedeutung?

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Stefan Lechner Verfasst von:

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